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Im Bann des Automaten: Sogwirkung von Glücksspielautomaten

„Wenn ich am Automaten stand, habe ich von meiner Umwelt überhaupt nichts mehr mitbekommen. Das war wie in einem Tunnel. Wenn ich gespielt habe, gab es nur mich und den Automaten“, erzählt Manuel*, ehemaliger Glücksspieler, inzwischen seit vier Jahren spielfrei.

Nur der Automat und ich

„Einmal schaute ich beim Spielen kurz zur Seite und da stand meine Freundin. Ich habe sie gefragt: Wie lange stehst du da schon? Bestimmt seit zehn Minuten, sagte sie. Das fand ich schon krass. Ich habe das überhaupt nicht mitbekommen“, berichtet Manuel kopfschüttelnd weiter.

Von diesem „Eintauchen in das Spiel“ sprechen viele Automatenspieler. Manche beschreiben diesen Zustand auch als eine Art „Trance“, bei der alles andere verschwindet: die Probleme des Alltags zum Beispiel oder auch die anderen Gäste der Spielhalle oder Spielbank. Liegt darin mit ein Grund dafür, dass es gerade die Automatenspiele sind, die so einen großen Sog auf Spieler ausüben? Schließlich haben ungefähr drei von vier Menschen, die wegen einer Glücksspielproblematik in Behandlung sind, am Automaten gespielt.

Fachleute gehen davon aus, dass der Effekt des Eintauchens in das Spielgeschehen zumindest erheblich zu der starken Bindung zwischen Spieler und Automaten beiträgt. Sie nennen diese Wirkung auch „Immersion“. Auch bei Computerspielen, die nicht in die Kategorie Glücksspiele fallen, lässt sich dieses „Hineinziehen“ in virtuelle Realitäten beobachten. Der Effekt ist mit verantwortlich dafür, dass manche Menschen viele Stunden vor dem Bildschirm verbringen.

Studie: Spielen für die Wissenschaft

In einer Studie wurde jetzt die Sogwirkung von Automatenspielen genauer untersucht. Zwei verschiedene Gruppen nahmen an einem Experiment teil: erfahrene (darunter auch problematisch spielende) Glücksspieler sowie Personen, die in ihrem bisherigen Leben noch nie oder zumindest wenig gespielt hatten. Alle Teilnehmenden wurden gebeten, an extra für die Studie präparierten Automaten zu spielen.

An diesen Automaten war vorher seitlich eine Art Bildschirm angebracht worden, auf dem geometrische Figuren zu sehen waren, die ihre Form wechselten. Die Aufgabe der Studienteilnehmer bestand nun darin, am Automaten zu spielen und außerdem parallel dazu jedes Mal auf einen Knopf zu drücken, wenn sich auf dem seitlichen Bildschirm ein weißer Kreis in ein rotes Quadrat verwandelte.

Nach dem Spiel wurden alle Teilnehmenden befragt, wie sie das Spielen erlebt haben. Die Forscher waren gespannt: Würden problematische Spieler vermehrt über eine Art „Trancezustand“ berichten? Und würde es bei ihnen häufiger vorkommen, dass sie die Zeit vergaßen? Außerdem: Wie würden die problematischen Spieler bei der anderen Aufgabe, dem Knopfdrücken, abschneiden?

Um diese Frage gleich als erstes zu beantworten: Den Problemspielern gelang es seltener – zeitgleich zum Spielen – die Taste zum richtigen Zeitpunkt zu drücken. Und das obwohl es bei Automatenspielen nicht etwa um Konzentration oder Geschicklichkeit geht – der Ausgang des Spiels dort hängt alleine vom Zufall ab.

Dennoch standen diese Spieler so sehr im Bann des Automaten, dass sie die parallele Geschicklichkeitsaufgabe schlechter erledigten. So lautet zumindest die Interpretation der Forscher. Dazu passen die Ergebnisse der anschließenden Befragung der Teilnehmenden: Die Problemspieler berichteten häufiger darüber, dass sie sich wie in einer Trance befanden und die Zeit über das Spielen vergaßen.

Die Sogwirkung des Automaten lässt sich „abtrainieren“ – durch Beratung & Therapie

Die Ergebnisse sind kein Beleg dafür, dass der „Effekt des Eintauchens in die Automatenwelt“ (mit) eine Ursache für das hohe Risiko von Automatenspielen ist. Theoretisch kann dieser stärker ausgeprägte Effekt bei den Problemspielern auch eine Folge ihres Spielens sein.

Dennoch weist die Studie die Sogwirkung des Automaten nach. Umso wichtiger sind beispielsweise Spielpausen, in denen die betreffenden Personen wieder „zu Sinnen“ kommen können. In einer Therapie lernen pathologische Spieler, wie sie sich der Sogwirkung des Automaten entziehen können. Ein erster guter Schritt in Richtung Unabhängigkeit ist ein Anruf bei der Helpline Glücksspielsucht.



Quelle:

W. Spencer Murch, Stephanie W. M. Chu, Luke Clark. Measuring the Slot Machine Zone With Attentional Dual Tasks and Respiratory Sinus Arrhythmia.. Psychology of Addictive Behaviors, 2017; DOI: 10.1037/adb0000251

* = Name von der Redaktion geändert