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Die Glücksspielindustrie ist abhängig von süchtigen Spielern

Fünf Fragen an den Glücksspielexperten Dr. Ingo Fiedler von der Universität Hamburg

Worin besteht das Risikopotenzial von Geldspielautomaten, woran krankt die Regulierung des deutschen Glücksspielmarktes und welche Maßnahmen können könnten die Problematik wirksam eindämmen? Wir haben den Experten Dr. Ingo Fiedler von der Universität Hamburg zum Interview getroffen.

Herr Fiedler, laut einer Analyse von Ihnen wird ein Großteil des Umsatzes in Spielhallen mit Menschen gemacht, die pathologisch spielen. Sie schätzen diesen Anteil auf 80 Prozent (des Umsatzes an Geldspielautomaten). Wie sind Sie auf diesen Wert gekommen?

Pathologische Spieler spielen wesentlich häufiger als Freizeitspieler. Zudem dauern ihre Spielsessions länger. Und nicht zuletzt setzen Spielsüchtige pro Zeiteinheit mehr Geld ein als Freizeitspieler. Insgesamt geben sie so an Automaten etwa das Fünfzigfache aus im Vergleich zu einem Freizeitspieler. Dadurch kommt es zu den hohen finanziellen Verlusten von Spielsüchtigen, die kennzeichnend und erschwerend sind für ihre Problematik.

Befragungen von pathologischen Automatenspielern ergeben ein weltweit einheitliches Bild: die nach Köpfen kleine Gruppe der Spielsüchtigen sorgt für etwas mehr als die Hälfte des Branchenumsatzes ist damit die wesentliche Kundengruppe. Bei Befragungen zu Ausgaben für Glücksspiele kommt es jedoch regelmäßig zu Unterschätzungen, insbesondere bei pathologischen Spielern, denn Lügen über das Ausmaß des eigenen Spielens ist ein Definitionskriterium für Spielsucht.

Deshalb sind Daten realistischer, die sich aus dem tatsächlichen Verhalten von Spielern ergeben. Hierzu hat es in Australien sieben Studien gegeben. Ich habe deren sogenannten „Umsatzfaktor von Spielsüchtigen“ (im Vergleich zu Freizeitspielern) auf die deutschen Verhältnisse übertragen. Je nach verwendetem Umsatzfaktor der sieben australischen Studien und der Anzahl Spielsüchtiger aus deutschen Suchtprävalenzstudien ergibt sich hieraus ein Umsatzanteil mit spielsüchtigen Menschen zwischen 67 bis zu 90 Prozent durch problematische und pathologische Spieler.

Ohne die süchtigen Spielerinnen und Spieler würde das derzeitige Geschäftsmodell in den Spielhallen also gar nicht funktionieren. Wie kann vor diesem Hintergrund ein wirksamer Spielerschutz aussehen?

Die Anbieter haben ein sehr starkes finanzielles Interesse an der Kundengruppe der Spielsüchtigen. Wirksamen Spielerschutz von den Anbietern zu fordern, gleicht damit der Forderung nach „finanziellem Selbstmord“. Es ist daher auch nicht verwunderlich, dass unter den Spielsüchtigen in Beratungs- und Behandlungseinrichtungen lediglich ein Prozent (also jeder hundertste) durch das Personal der Anbieter angesprochen wurde – und das obwohl das Personal geschult wird und die Sozialkonzepte der Anbieter eine Ansprache von Spielern mit möglichen Problemen vorsehen.

Entsprechend kann wirksamer Spielerschutz in einem Markt, der von Ausgaben der Spielsüchtigen geprägt ist, nur durch eine anbieterunabhängige dritte Instanz erfolgen. Dies kann entweder der Gesetzgeber mit harten Vorgaben sein oder aber eine dem Gesundheitsministerium unterstellte Spielerschutzstelle mit ausreichend Befugnissen.

Die meisten Menschen, die sich wegen ihres Spielverhaltens an eine Beratungsstelle wenden, sind Automatenspielerinnen und -spieler. Wie erklärt sich dieses hohe Gefährdungspotenzial der Geldspielautomaten?

Spielautomaten werden in der Forschung oftmals als das „Crack“, „Kokain“ oder als das Heroin des Glücksspiels bezeichnet, da sie das mit Abstand höchste Suchtpotential aufweisen im Vergleich zu traditionellen Glücksspielen. Dies liegt daran, dass die Zufallsmechanismen bei Automaten (im Vergleich zu Spielen mit festen Regeln) frei programmiert werden können und so ausgerichtet werden, dass die Spieler möglichst lange an dem Automaten spielen. Hinzu kommt eine extrem schnelle Spielgeschwindigkeit, die für einen ständigen Strom an positiven Verstärkungseffekten in Form von Kleingewinnen sorgt. Solche Effekte werden zudem künstlich durch überproportional häufige sogenannte „Fast-Gewinne“ – es fehlt nur ein Symbol zum Jackpotgewinn – hervorgerufen, die im menschlichen Gehirn ähnlich wie tatsächliche Gewinne wirken. Darüber hinaus dienen die Ton-, Licht- und Farbeffekte der Automaten bei Gewinnen einer pavlovschen Konditionierung der Spieler.

All diese Elemente sind genauso bei Onlinecasinospielen möglich und dort sogar noch gefährlicher, da die Verfügbarkeit noch höher ist als bei gewerblichen Automaten – 24 Stunden am Tag, sieben Tage in der Woche und auch unterwegs per Smartphone zu erreichen.

Welche rechtlichen Maßnahmen wären Ihrer Meinung nach notwendig, um die Glücksspielproblematik in Deutschland insgesamt einzudämmen?

Ein wirksamer Spielerschutz durch regulatorische Maßnahmen ist gewährleistet, wenn
1. keine Automaten außerhalb von Casinos aufgestellt werden dürfen
2. eine wirksamen Rechtsdurchsetzung gegen dann entstehende Hinterzimmercasinos besteht
3. das Verbot von Onlineglücksspielen wirksam durchgesetzt wird
4. Sportwetten ausschließlich für Ergebniswetten mit niedrigen Verlustgrenzen pro Monat und einem Selbstlimitierungssystem angeboten werden dürfen.Wie können Online-Glücksspiele reguliert werden?

In erster Linie bedarf es einer Durchsetzung des Rechts. Solange illegale Unternehmen ihre Spieler frei in Deutschland anbieten und auch im Fernsehen dafür werben können, ist keine wirksame Regulierung möglich – weder im Rahmen eines Verbots noch im Rahmen eines Lizenzsystems oder eines Staats“monopols“. Mit der Rechtsdurchsetzung steht und fällt daher jegliche Regulierung von Onlineglücksspielen. Ohne sie ist jede Diskussion über eine Regulierung des Marktes überflüssig.

Vielen Dank an Ingo Fiedler für die Beantwortung der Fragen.