Craving: Warum es so schwer sein kann, mit dem Spielen aufzuhören
Viele Menschen mit Glücksspielproblemen kennen das: Sie fassen den Entschluss, in einem bestimmten Zeitraum – zum Beispiel am nächsten Wochenende – nicht zu spielen. Und dann ist er plötzlich doch da, der starke Drang zu spielen und dafür Geld einzusetzen. Zwar vielleicht nicht jedes Mal, aber doch viel zu oft wird diesem Verlangen dann auch nachgegeben. Mit allen Konsequenzen: Der Einsatz geht (in der Regel) verloren und das Selbstwertgefühl leidet: Wieder mal hat man es nicht geschafft, dem Spiel-Verlangen zu widerstehen. Eine aktuelle schwedische Studie hat genauer untersucht, wie dieses Verlangen mit der Schwere von Glücksspielproblemen zusammenhängt.
Drei Formen des Spielverlangens
Für die Studie wurden 1.053 Erwachsene aus Schweden befragt, die in den vergangenen zwölf Monaten um Geld gespielt hatten. Sie alle unterzogen sich einem standardisierten Test zur Erhebung von Glücksspielproblemen. Diesem Test zufolge zeigten 81 Prozent von ihnen keine Glücksspielprobleme. Bei elf Prozent wurde ein riskantes Spielverhalten festgestellt. Weitere vier Prozent wiesen ein problematisches Spielverhalten auf und noch einmal vier Prozent erfüllten Kriterien einer Glücksspielstörung.
Im Mittelpunkt des Interesses der Studienverantwortlichen stand das Verlangen nach dem Spielen, im Fachjargon „Craving“ genannt. Dabei wurden drei verschiedene Unterformen von Verlangen unterschieden und über gesonderte Fragen in dem Test erhoben: den unmittelbaren Drang zu spielen, die Vorfreude auf das Glücksspiel und die Erwartung, durch das Glücksspiel unangenehmen Gefühlen entkommen zu können.
Die Auswertung der Daten ergab recht eindeutige statistische Zusammenhänge. Zum Beispiel: Je stärker die Glücksspielprobleme ausgeprägt waren, desto stärker war in der Regel auch das Spielverlangen. Dieser Zusammenhang zeigte sich bei allen drei untersuchten (Unter-) Formen des Verlangens. Besonders hoch waren die Werte bei den Befragten mit Glücksspielproblemen oder einer wahrscheinlichen Glücksspielstörung. Das unterstreicht, dass mit stärkerem Spielverlangen in der Regel auch ausgeprägtere Glücksspielprobleme einhergehen. Ebenso zeigte sich, dass Spielverlangen mit Angst- und depressiven Symptomen sowie insgesamt negativen Gefühlen zusammenhing.
Interessante Frage: Was treibt das Verlangen an?
In einem weiteren Analyseschritt prüften die Forschenden, ob diese Zusammenhänge auch dann bestehen bleiben, wenn andere mögliche Einflussfaktoren statistisch berücksichtigt werden. Zu diesen Faktoren gehörten Angst- und Depressionssymptome, positive und negative Gefühle, verschiedene Persönlichkeitsmerkmale sowie Alter und Geschlecht. Nach Kontrolle dieser statistischen Variablen blieben vor allem diese beiden „Unterformen des Verlangens“ eigenständig mit problematischem Glücksspiel verbunden: der unmittelbare Drang zu spielen und die Vorfreude auf das Glücksspiel. Auch eine stärkere Impulsivität und männliches Geschlecht gingen mit einer höheren Wahrscheinlichkeit für Glücksspielprobleme einher.
Das ist unter anderem deshalb interessant, weil beim Thema Glücksspielsucht häufig das Spielen als Flucht vor Sorgen, Stress oder anderen unangenehmen Gefühlen im Vordergrund steht. Das gibt es durchaus und nicht zu selten. Die Ergebnisse der Studie weisen aber darauf hin, dass auch die andere Seite wichtig ist: die Vorfreude auf das Glücksspiel, die Aussicht auf Spannung und die Erwartung eines positiven Erlebnisses. Gerade diese verlockenden Erwartungen können dazu beitragen, dass der Wunsch zu spielen immer wieder auftritt. Die Autorinnen und Autoren sehen darin einen möglichen relevanten Faktor bei der Entstehung und Aufrechterhaltung problematischen Glücksspielverhaltens.
Ein wichtiger Ansatzpunkt für Beratung und Behandlung
Die Ergebnisse sollten allerdings nicht überinterpretiert werden. Die Untersuchung zeigt Zusammenhänge, kann aber keine Ursache-Wirkungs-Beziehungen nachweisen. Es lässt sich also beispielsweise nicht sagen, ob starkes Spielverlangen zu Glücksspielproblemen führt oder ob (sozusagen andersherum) zunehmende Glücksspielprobleme das Verlangen verstärken.
Für Prävention, Beratung und Behandlung ist das Thema dennoch interessant. Wer das eigene Glücksspiel verändern oder ganz damit aufhören möchte, kann davon profitieren, nicht nur auf das eigentliche Spielen zu schauen. Auch die Situationen davor sind wichtig: Wann entsteht der Wunsch zu spielen? Welche Gedanken gehen ihm voraus? Ist es eher die Aussicht auf Spannung und Unterhaltung – oder die Hoffnung, unangenehme Gefühle für eine Weile loszuwerden? Solche Zusammenhänge zu erkennen, kann helfen, das eigene Spielverhalten besser zu verstehen und im nächsten Schritt dann andere Möglichkeiten im Umgang mit dem Verlangen zu entwickeln.
Wer merkt, dass Gedanken ans Glücksspiel viel Raum einnehmen oder es zunehmend schwerfällt, nicht zu spielen, findet hier Informationen zu Beratungs- und Unterstützungsangeboten.
Quelle: Westerberg, T., Håkansson, A., & Berglund, K. (2026). The role of craving in gambling behavior: Examining its relevance and links to psychological distress, personality, and demographics. BMC Psychology, 14, 74. https://doi.org/10.1186/s40359-025-03816-4