Verlockend und riskant: wie Gratiswetten und Boni das Spielverhalten verändern
Verlockend und riskant: wie Gratiswetten und Boni das Spielverhalten verändern
Vielleicht ist sie Ihnen online auch schon einmal begegnet – Werbung für Sportwetten, oft auffällig präsent und zugleich leicht zu übersehen. Auch wenn Sie spontan meinen, keine entsprechende Anzeige gesehen zu haben: Viele Werbebotschaften wirken im Hintergrund, ohne dass wir sie bewusst wahrnehmen. Banner, Pop-Ups oder eingebettete Grafiken begleiten viele Seiten und bleiben dennoch kaum im Gedächtnis.
Und trotzdem entfaltet Sportwetten-Werbung ihre Wirkung. Das bestätigt eine aktuelle wissenschaftliche Studie. Sie zeigt, wie stark sogenannte Lockangebote – etwa Gratiswetten („Free Bets“) oder „Geld-zurück-Wetten“ – das Spielverhalten beeinflussen können. Besonders Personen, die bereits erste Anzeichen eines problematischen Spielverhaltens zeigen, sprechen sensibel auf solche Angebote an.
Lockangebote wirken stärker, als viele glauben
Für die Untersuchung wurden insgesamt 622 Männer unter 40 Jahren online befragt – eine Gruppe, die besonders häufig Sportwetten nutzt und sich oft stark von Werbung angesprochen fühlt. Die Teilnehmenden erhielten virtuelles Geld, mit dem sie reale Wetten auf die Spiele der Fußball-Europameisterschaft 2024 platzieren konnten. Damit die Entscheidungen möglichst realitätsnah waren, hing die Chance auf einen echten Gewinn (Gutscheine) davon ab, wie viel virtuelles Geld am Ende übrig war. Anschließend wurden die Teilnehmenden zufällig in zwei Gruppen eingeteilt: Eine Gruppe bekam verschiedene Lockangebote zu sehen (z. B. Gratiswetten und „Geld-zurück“-Aktionen), die andere nicht. So konnte gemessen werden, wie stark diese Angebote das Wettverhalten beeinflussten. Zusätzlich wurden einzelne Wetten bewusst so gestaltet, dass sie objektiv schlechtere Gewinnchancen boten – um zu prüfen, ob Lockangebote auch zu „Fehlentscheidungen“ verleiten.
Lochangebote erhöhen Einsätze
Die Ergebnisse sind eindeutig: Sobald Lockangebote eingeblendet wurden, stieg die Einsatzhöhe deutlich an – im Schnitt um über 10 Prozent. Noch bemerkenswerter ist, dass die Zahl der Personen, die sich bewusst gegen eine Wette entschieden, fast halbiert wurde.
Lockangebote verleiten also nicht nur zum Mitmachen, sondern auch zu höheren Einsätzen. Bemerkenswert: Dieser Effekt blieb selbst dann bestehen, wenn danach keine neuen Angebote mehr angezeigt wurden. Der erste Impuls wirkte also nach.
Besonders deutlich zeigte sich der Effekt bei Menschen mit bereits problematischem Glücksspielverhalten. Identifiziert wurde diese Untergruppe über erhöhte „PGSI-Werte“ (Problem Gambling Severity Index, ein Fragebogen zur Erhebung problematischen Glücksspielens). Sie setzten höhere Beträge und waren empfänglicher gegenüber vermeintlichen Vorteilen. Das Risiko für finanzielle Verluste stieg damit spürbar.
Mehr Fehler: Lockangebote führen zu schlechten Entscheidungen
Ein weiterer zentraler Befund: Lockangebote erhöhen die Wahrscheinlichkeit, dass Spieler*innen schlechte Entscheidungen treffen.
In der Studie wurden bewusst Optionen eingebaut, die „objektiv schlechte“ Angebote waren: Wetten, die selbst mit Bonus eindeutig schlechtere Gewinnchancen hatten als andere. Das Ergebnis ist frappierend: Unter Einfluss von Lockangeboten wählten Teilnehmende dreimal häufiger diese schlechten Wetten. Sie setzten dabei zudem höhere Beträge. Das zeigt: Lockangebote verändern nicht nur das Ob des Wettens, sondern auch das Wie. Sie verschieben die Wahrnehmung von Risiko und Wert – und öffnen Tür und Tor für Fehlentscheidungen, die zu Verlusten führen.
Besorgniserregend ist auch, dass die meisten Teilnehmenden die Bedingungen der Angebote missverstanden. Viele glaubten, dass „Free Bets“ oder Cashback-Angebote großzügiger seien, als sie tatsächlich waren. Komplexe Bedingungen, versteckte Regeln und kleine Fußnoten tun ihr Übriges.
Warnzeichen für riskantes Wettverhalten
Wer die Mechanismen hinter Sportwetten-Werbung besser versteht, hat bereits einen wichtigen Schritt getan. Genauso hilfreich ist es, das eigene Verhalten im Blick zu behalten und aufmerksam zu sein, wenn sich Muster verändern. Typische Warnsignale können zum Beispiel sein:
• steigende Einsätze
• spontanes Mitwetten bei verlockenden Angeboten
• Schwierigkeiten, Pausen einzulegen
• das Gefühl, ein Angebot „auf keinen Fall verpassen zu dürfen“
Wer solche Entwicklungen bei sich bemerkt und den Wunsch hat, das Spielen zu beenden oder zu reduzieren, findet auf automatisch-verloren.de verlässliche Unterstützung: anonyme Informationen, Selbsttests, Beratungsstellen und digitale Angebote – kostenfrei und vertraulich.
Fazit
Lockangebote sind nicht harmlos. Sie verstärken das Spielverhalten, erhöhen Einsätze und fördern Fehlentscheidungen – vor allem bei Menschen, die bereits gefährdet sind. Sich zu informieren, Warnzeichen ernst zu nehmen und Unterstützung zu nutzen, kann helfen, wieder mehr Kontrolle zu gewinnen.
Quelle:
Ó Ceallaigh, D., Timmons, S., Robertson, D. A., & Lunn, P. D. (2025). Effects of inducements on sports gambling and decision-errors: An experimental study. Journal of Behavioral Addictions, 14(2), 959–971. https://doi.org/10.1556/2006.2025.00056