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Glücksspielstaatsvertrag 2021: Deutschland in der Umbruchphase

Glücksspielstaatsvertrag 2021: Deutschland in der Umbruchphase

Ein Interview mit Christiane Lieb, Geschäftsführerin von SUCHT.HAMBURG

Frau Lieb, zum 1. Juli tritt der neue Glücksspielstaatsvertrag in Kraft. Was ändert sich ab dann für die Spieler*innen?

Die größte Veränderung betrifft die Schaffung eines bundesweit geltenden legalen Glücksspielangebots im Internet. Das bedeutet ganz konkret, dass Spieler*innen nur noch den Laptop aufklappen oder das Smartphone in die Hand nehmen müssen, um legal am (virtuellen) Automaten spielen oder sich mit anderen an den – ebenfalls virtuellen – Pokertisch setzen zu können. Die Anbieter*innen der Online-Glücksspiele müssen dafür bestimmte Auflagen erfüllen, sich zum Beispiel einem System anschließen, dass eine sogenannte „Limitdatei“ beinhaltet. Damit soll gewährleistet werden, dass ein*e Spieler*in nicht mehr als 1.000 Euro pro Monat einzahlen kann. Das gilt anbieterübergreifend. Ebenso soll es nicht möglich sein, an mehreren Online-Glücksspielen parallel teilzunehmen.

Eine ebenfalls deutliche Veränderung wird im Bereich der Spieler*innensperre vollzogen: Im Gesetz ist ein bundesweit geltendes und spielformübergreifendes Sperrsystem festgeschrieben. Das gab es zuvor nur für Spielbanken und bestimmte Lotteriearten, jetzt gilt es für alle Glücksspielformen. 

Auch Sportwettangebote können – in theoretisch unbegrenzter Anzahl – zugelassen werden. Zwar ebenfalls unter Auflagen, aber in stationären Wettbüros wird weiterhin ohne Einzahlungslimit gespielt.

Wie bewerten Sie diese neuen gesetzlichen Regelungen?

Wir begrüßen den Ansatz eines spielformübergreifenden Sperrsystems als neue umfassende Maßnahme, um spielsüchtige oder gefährdete Spieler*innen besser zu schützen. Sich sozusagen „selber aus dem Spiel zu nehmen“ kann ein selbst- und fremdschädigendes Spielverhalten abbremsen und – vor allem wenn parallel dazu ein Beratungsangebot in Anspruch genommen wird – beim Ausstieg aus der Glücksspielsucht helfen. Die Mindestdauer von drei Monaten, die eine Selbstsperre betragen muss, halte ich allerdings, insbesondere für Problemspieler*innen, für zu knapp bemessen. Für einen nachhaltigen Ausstieg aus dem Spielen empfehlen wir, parallel zur Sperre, auch eine Beratung in einer Suchtberatungsstelle in Anspruch zu nehmen. Bis sich jemand dazu entschließt, den Kontakt dorthin aufzunehmen, können einige Wochen oder sogar Monate vergehen. Es ist deshalb zu befürchten, dass der*die Problemspieler*in nach den drei Monaten die Sperre beendet und wieder in das alte Spielverhalten zurückfällt.

Erhebliche Kritik haben wir an der Zulassung von Glücksspielangeboten im Internet. Dort sind die Spiele 24 Stunden am Tag und sieben Tage in der Woche verfügbar. Wenn der Spieleinsatz von der Kreditkarte abgebucht wird, geht schnell der Überblick über das bereits verspielte Geld verloren und die Hemmschwelle sinkt, immer weiter zu spielen. Die notwendige Selbstregulierung –regelmäßige Spielpausen zu machen und frühzeitig den Aus-Knopf zu finden – fällt insbesondere Problemspieler*innen schwer. Weil viele alleine vor dem Bildschirm sitzen, gibt es meist auch niemanden, der oder die regulierend eingreifen könnte.

Kritisch sehe ich auch das für Online-Glücksspiele geltende monatliche Einzahlungslimit von 1.000 Euro ist für viele Spieler*innen deutlich zu hoch angesetzt. 1.000 Euro sind für viele Familien sehr viel Geld, das für den täglichen Bedarf, für Lebensmittel oder auch Kleidung, benötigt wird. Wenn dieser Betrag für das Spielen im Internet „abgezweigt“ wird, kann das die spielende Person und oftmals auch ihre Familie in eine finanzielle Notlage stürzen.

Außerdem können die Spieler*innen auf terrestrische Angebote ausweichen, wenn sie ihr Online-Limit ausgeschöpft haben und damit noch höhere Spielschulden anhäufen.

Auch hätten wir uns gewünscht, dass die Werbung für Glücksspiele deutlich stärker eingeschränkt bzw. verboten wird.

Was empfehlen Sie Spieler*innen zum gegenwärtigen Zeitpunkt?

Spieler*innen sollten sich fragen, ob ihr Umgang mit Glücksspielen noch im grünen Bereich liegt oder ob sie gefährdet sind bzw. bei ihnen bereits Anzeichen einer Glücksspielsucht erkennbar werden. Das gelingt besonders gut im Gespräch mit einer Fachkraft , zum Beispiel bei unserer Telefon-Helpline oder auch persönlich . Für eine erste Überprüfung des Spielverhaltens ist auch ein Selbsttest wie auf unserer Webseite hilfreich.

Was das Glücksspielwesen in Deutschland insgesamt angeht, sind wir aktuell in einer herausfordernden Umbruchphase. Der neue Staatsvertrag mitsamt der neu legalisierten Spielformen tritt in Kraft, außerdem haben nach langer Zeit der Pandemie-Einschränkungen wieder die terrestrischen Spielhallen, Spielbanken und Wettbüros geöffnet. Gleichzeitig sind viele Menschen durch die Pandemie wirtschaftlich hart getroffen worden, zum Beispiel Berufstätige aus der Gastronomie oder auch viele Solo-Selbstständige. Wenn jemand in wirtschaftlich prekärer Lage Glücksspiele spielt, kann das wie ein Brandbeschleuniger auf die finanzielle und auch psychosoziale Lage wirken. Deshalb raten wir insbesondere gefährdeten Spieler*innen zu einem möglichst baldigen und konsequenten Ausstieg aus dem Spielen.

Was mir in diesem Zusammenhang besonders wichtig ist: Mit unseren Hilfs- und Unterstützungsangeboten richten wir uns ausdrücklich auch an die Angehörigen von Spieler*innen. Alle Beratungsangebote können anonym und kostenfrei genutzt werden. Die Berater*innen helfen auch bei der Vermittlung in weiterführende Hilfsangebote und unterstützen zum Beispiel bei Anträgen für die Kostenübernahme von Therapien oder Rehabilitationsmaßnahmen. Nutzen Sie Ihre Chance!