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Hamburger Studie empfiehlt zentralisiertes Sperrsystem

Eine Studie – gefördert von der Behörde für Gesundheit und Verbraucherschutz (BGV) in Hamburg – hat untersucht, wie wirksam verschiedene Maßnahmen zum Spieler-und Jugendschutz sind. Das Ergebnis: 16 Handlungsempfehlungen und die Erkenntnis, dass weiter geforscht werden muss. Wir haben mit Dr. Jens Kalke vom Institut für Interdisziplinäre Sucht- und Drogenforschung (Hamburg) gesprochen, der die Studie gemeinsam mit Dr. Tobias Hayer (Institut für Psychologie und Kognitionsforschung an der Universität Bremen) durchgeführt hat.

1. Herr Dr. Kalke, im Jahr 2012 ist der Erste Glücksspieländerungsstaatsvertrag in Kraft getreten. Sie haben nun untersucht, wie wirksam die Maßnahmen sind, die laut des Staatsvertrags umzusetzen sind. Wie sind Sie dabei vorgegangen?

Wir haben für unsere Expertise die internationale Forschungsliteratur zur Wirksamkeit von Maßnahmen des Spieler- und Jugendschutzes gesichtet und ausgewertet. Im Fokus standen dabei die seit 2012 geltenden Maßnahmen des Glücksspielstaatsvertrages. Außerdem wurden Maßnahmen berücksichtigt, die im internationalen Kontext Wirksamkeitsnachweise erbracht haben, bislang jedoch noch nicht in die deutsche Gesetzgebung eingeflossen sind. Wir haben alle Evaluationsstudien berücksichtigt, die im Zeitraum von 2001 bis 2016 in Fachzeitschriften, in denen die eingereichten Artikel begutachtet werden, veröffentlicht worden sind.

2. Zu welchen Erkenntnissen sind Sie durch Ihre Untersuchung gelangt?

Insgesamt haben wir 115 Primärstudien gefunden, auf die unsere Einschlusskriterien zutrafen. Davon betreffen 78 Maßnahmen, die laut Staatsvertrag umzusetzen sind. An erster Stelle stehen hier die Aufklärungsmaßnahmen mit insgesamt 34 Studien. Es folgen die Bereiche Spielersperre und Pre-Commitment (d. h. Limitierungen von Einsätzen, Verlusten und Gewinnen) mit neun bzw. acht Nennungen. Zur Reduktion der Verfügbarkeit von Glücksspielen und zu den Personalschulungen konnten jeweils sieben Publikationen gefunden werden. Alle anderen Interventionsarten kommen auf eine Anzahl von unter fünf Originalarbeiten. Das bedeutet: Auch wenn in der jüngsten Vergangenheit eine steigendende Anzahl von qualitativ höherwertigen Evaluationen zu verzeichnen ist, besteht bei vielen Spieler- und Jugendschutzmaßnahmen ein deutlicher Forschungsbedarf.

3. Sie formulieren auf Grundlage Ihrer Untersuchung 16 Handlungsempfehlungen. Wie sind diese entstanden?

Wir haben dafür eine Bewertungsmatrix entwickelt. Darin werden die Effekte der verschiedenen Maßnahmen unter Berücksichtigung der Qualität des Forschungsdesigns sowie der Interventionsart eingeordnet und anhand der Kategorien „keine“, „niedrig“, „mittel“ und „hoch“ zusammenfassend beurteilt. Die Einstufung „niedrig“ bedeutet, dass erste positive Zielkriterien erfüllt werden. Das heißt, die entsprechende Maßnahme muss zumindest von der Zielgruppe akzeptiert und genutzt werden. Bei der Einstufung in „hoch“ handelt es sich um Studien mit Verhaltenseffekten, die in einem hochwertigen Forschungsdesign mit einer echten Kontrollgruppe ermittelt worden sind. In die Kategorie „mittel“ fallen Originalarbeiten, die sich zwischen diesen beiden Polen bewegen. Hierzu zählen beispielsweise Studien, bei denen Wissens- und/oder Einstellungseffekte in einem Forschungsdesign mit methodischen Schwächen nachgewiesen worden sind.

4. Wie lauten Ihre wichtigsten Handlungsempfehlungen an die Politik – was sollte bei der Fortschreibung der Regularien in zukünftigen Fassungen des Glücksspielstaatsvertrags berücksichtigt werden?

Eine der wichtigsten Empfehlungen betrifft die Einrichtung eines zentralisierten Sperrsystems, das alle Glücksspielformen mit mittlerem und hohem Suchtpotential umfassen sollte.
Auch eine verpflichtende Glücksspielsuchtprävention in der Schule sollte im Staatsvertrag verankert werden. Das Mittel der Wahl sind dabei umfassende interaktive Präventionsprogramme mit glücksspielspezifischen Inhalten sowie Elementen der Lebenskompetenzförderung.
Personalschulungen sollten grundsätzlich verpflichtend sein. Welche Schulungskonzepte dabei am besten „funktionieren“ und wie die erworbenen Kompetenzen nachhaltig in der Praxis umgesetzt werden können, muss mit Hilfe weiterer Evaluationsstudien geklärt werden.
Darüber hinaus erweist sich die Umsetzung von spürbaren Verfügbarkeitsbegrenzungen und -einschränkungen bei Glücksspielen mit einem erhöhten Suchtpotential als zielführend. Wie diese in der Praxis genau auszugestalten sind, ist unter Beteiligung von Expert*innen zu diskutieren.

Bei anderen Maßnahmen ist hingegen noch ein erheblicher Forschungsbedarf festzustellen. So sollte zum Beispiel der technische Spielerschutz genauer untersucht werden: Wie wirkt es sich beispielsweise aus, wenn die Spielgeschwindigkeit verlangsamt wird oder (mehr) Spielpausen vorgeschrieben werden? Und was verändert sich, wenn auf Soundeffekte verzichtet wird? Wir brauchen hier Studien, die die Auswirkungen dieser strukturellen Merkmale in Langzeitstudien analysieren.

Herr Dr. Kalke, wir danken Ihnen herzlich für das Gespräch.

Die Expertise erscheint auch bald in Kurzform als Buch:
Kalke, J. & Hayer, T. 2019. Expertise zur wissenschaftlichen Evidenz von Maßnahmen des Spieler- und Jugendschutzes: Ein systematischer Review. Frankfurt/M.: Peter Lang. (in Druck)