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Markt für Online-Glücksspiele wächst

Hamburgische Landesstelle für Suchtfragen e.V. baut Kampagne „Automatisch Verloren!“ aus

Vom 14. bis 16. November 2011 fand in Hamburg die diesjährige Fachkonferenz der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen e.V. (DHS) statt. Über 300 Expertinnen und Experten kamen im Congress Center Hamburg (CCH) zusammen, um sich über das Thema „Was haben wir von Europa und Europa von uns?“ auszutauschen. Auch die Hamburgische Landesstelle für Suchtfragen e.V. war bei der Konferenz mit einem Informationsstand vertreten.

Im Rahmen der Tagung beschäftigte sich eine eigene Veranstaltung mit dem Thema „Online-Glücksspiele“. Unter dem Titel „Glücksspiel online – Kontrollverlust ohne Schranken“ wurde dabei schnell deutlich, was für eine starke Sogkraft Glücksspiele entwickeln können, die über das Medium Internet gespielt werden. Sie sind rund um die Uhr verfügbar – ein paar Mouse-Klicks reichen, um die Welt der Online-Glücksspiele zu betreten. Und dort geht es im wahrsten Sinne „rasant“ zu, denn die Spiele dauern oft nur wenige Sekunden. Verluste geraten dadurch schnell aus dem Blick, außerdem fällt die Abkühlungsphase zwischen den Spielen extrem kurz aus bzw. fehlt völlig. Denn auch das nächste Spiel ist nur einen Klick entfernt. Da Online-Glücksspiele in der Regel alleine gespielt werden, gibt es meist auch keine andere Person, die in irgendeiner Weise regulierend eingreifen und die „Jagd nach dem nächsten Gewinn“ unterbrechen könnte.


Tobias Hayer, Diplom-Psychologe von der Universität Bremen und Experte im Bereich „Glücksspiel (-sucht)“ gab bei der Veranstaltung auch einen Überblick über den Markt der Anbieter von Online-Glücksspielen. Seinen Angaben zufolge gibt es weltweit über 2.500 Websites mit Online-Glücksspielangeboten und mehr als jede vierte von ihnen akzeptiert eine Spielteilnahme aus Deutschland. Dabei ist laut Paragraph 4 des deutschen Glücksspielstaatsvertrags (GlüStV) „das Veranstalten und das Vermitteln öffentlicher Glücksspiele im Internet verboten.“ Als Begründung für das Verbot von Glücksspielen über den „Vertriebsweg Internet“ wird in den Bestimmungen des GlüStV unter anderem die fehlende Kontrolle des Jugendschutzes sowie die schon angesprochene Anonymität des Spielenden bzw. das Fehlen jeglicher sozialer Kontrolle genannt.
Ungeachtet dieses Verbots ist der Anstieg bei den Umsätzen, die mit Online-Glücksspielen erzielt werden, ungebrochen. Momentan beträgt der weltweite Umsatz durch Glücksspiele im Internet pro Jahr ungefähr 30 Milliarden US-Dollar (Quelle: H2 Gambling Capital (2010), zitiert nach Hayer). Damit liegt ihr Anteil am Gesamtumsatz aller Glücksspiele bei etwa acht bis neun Prozent – eine gewaltige Steigerung gegenüber einem Prozentsatz von 1,9% im Jahr 2000. Umsätze in dieser Größenordnung erlauben der Glücksspielindustrie entsprechend große Werbebudgets, um ihre Spiele noch stärker zu vermarkten und für eine steigende Nachfrage zu sorgen.


Dabei ergab eine Repräsentativbefragung der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA). dass spielten im Jahr 2011 bereits 1,6 Prozent der deutschen Bevölkerung Casinospiele im Internet spielen. Bezogen auf die Gruppe der männlichen Spieler dürfte dieser Anteil erfahrungsgemäß deutlich höher ausfallen als bei Frauen (aktuelle Zahlen noch nicht veröffentlicht). Vor allem Online-Poker erfreut sich zunehmender Beliebtheit. Ingo Fiedler von der Universität Hamburg stellte auf der DHS-Fachkonferenz neue Zahlen zu den Umsätzen von Online-Poker in Europa vor. Demnach ist Deutschland der größte Markt für Online-Poker in der EU – 392 Millionen US-Dollar werden hier umgesetzt. Und „Umsatz“ ist in diesem Fall gleichzusetzen mit der Summe der Einsätze der Spielerinnen und Spieler. Die Anzahl der Menschen, die in Deutschland Online-Poker spielen, wird auf 581.000 geschätzt.


Prominente spielen öffentlich im Fernsehen Poker, der deutsche Gewinner eines „Poker-Events“ wird in den Medien gefeiert – Poker wird nicht nur unter Jugendlichen bzw. jungen Erwachsenen immer populärer, sondern in breiten Teilen der Bevölkerung zunehmend gesellschaftsfähig. Dabei wird leicht übersehen, dass das Gefahrenpotential gerade dieses Spiels vergleichsweise ausgeprägt ist. Im Vergleich zu anderen Glücksspielarten ist das Risiko eines süchtigen Spielverhaltens bei Poker um den Faktor 5 erhöht (siehe auch Glücksspiele – unterschiedlich riskant).
In Hamburg ist die Zahl der Personen, die wegen ihres problematischen bzw. süchtigen Spielverhaltens ein Beratungs- bzw. Hilfsangebot nutzen, angestiegen. „Im Jahr 2010 haben mit ca. 1.000 Personen nahezu 30% mehr Personen professionelle Hilfeangebote in Hamburg in Anspruch genommen, als im Jahr 2008. Dies ist nicht zuletzt auf den Ausbau des Hilfesystems und unsere gemeinsame Informationskampagne „Automatisch Verloren!“ zurückzuführen“, führt dazu Christiane Lieb, die Geschäftsführerin der Hamburgischen Landesstelle für Suchtfragen e.V. aus. Unter den Hilfesuchenden, die „nur“ Glücksspiel betreiben haben 46 % einen Migrationshintergrund. Bei Hilfesuchenden, die neben dem Glücksspielen auch über Probleme mit anderen Suchtmitteln berichten, liegt der Anteil bei 38 %. Diese können sich ab sofort mit Hilfe der neuen mehrsprachigen Informationsflyer in Türkisch, Persisch, Französisch und Englisch über das Thema Glücksspiel informieren. Die Flyer können im Webshop der Hamburgischen Landesstelle für Suchtfragen e.V. bestellt werden


Außerdem ist das Internetangebot www.automatisch-verloren.de um eine türkischsprachige Variante ergänzt worden. Unter „Otomatik olarak kaybetmek“ (Türkisch für „Automatisch Verloren!“) wird hier über Risiken, die von Glücksspielen ausgehen, vor allem aber auch über Beratungsmöglichkeiten in Hamburg informiert.
Quellen: „Online Poker in the European Union“, Fiedler I. und Wilcke A., abrufbar unter http://papers.ssrn.com/sol3/papers.cfm?abstract_id=1879332
Pressemeldung der BZgA http://www.bzga.de/presse/pressemitteilungen/?nummer=702