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Interview-Alberti-AS-Aktiven-Suchthilfe

Die Aktive Suchthilfe unterstützt Menschen mit problematischem bzw. süchtigem Spielverhalten. Wie sieht Ihr Angebot genau aus?

Suchtkranke und suchtgefährdete Spielerinnen und Spieler und auch deren Angehörige können sich bei uns melden. Wir bemühen uns dann, möglichst schnell einen Beratungstermin für sie zu finden. In den Gesprächen ist es uns wichtig, den Menschen, Angst und Scham zu nehmen und ihnen zu vermitteln, dass es sich bei Glücksspielsucht um eine sehr ernsthafte Erkrankung handelt, von der auch andere Menschen betroffen sind und für die es Behandlungsmöglichkeiten gibt.


An die Stelle von Schuldgefühlen bzw. Schuldzuweisungen sollten möglichst umgehend Schutzmaßnahmen treten. So sollten sich Angehörige finanziell „in Sicherheit bringen“, Betroffene sollten die Verfügung über Finanzen oder zumindest eine Kontrolle schnellstmöglich an andere übertragen, um keinen Zugriff mehr auf Bargeld zu haben. Denn verfügbares Geld verleitet schnell zum Rückfall.


Neben den Einzelgesprächen vermitteln wir sehr schnell in eine unserer Spielergruppen und auch in Selbsthilfegruppen. Bei Bedarf bieten wir unsere Schuldnerberatung an. Danach kann eine weitere Klärung erfolgen, gegebenenfalls auch die Vermittlung in eine Therapie.


Viele Glücksspielsüchtige befinden sich auch in Haftanstalten. Da wir dort auch Suchtberatung anbieten, können sie sich mit einem schriftlichen Antrag an die Aktive Suchthilfe wenden.


Welche Menschen kommen zu Ihnen?

Die Menschen, die zu uns kommen, fühlen sich mit ihrem Glücksspielen oft sehr allein, viele von ihnen sind einsam. Oft fällt es ihnen zunächst schwer, über ihre Probleme zu sprechen. Sie sind es gewohnt, nach außen eine Fassade aufrecht zu erhalten, viele von ihnen haben zunehmend heimlich gespielt und sich von ihrem Umfeld, zum Beispiel der Familie isoliert. Sie fühlen sich nicht liebenswert und haben das Gefühl, sich und anderen nichts mehr bieten zu können. Ihr Leben ist meist stark auf das Glücksspielen ausgerichtet, für andere Dinge, die Geld kosten, fehlt meist – neben dem Geld – die Zeit. Deshalb werden frühere Hobbies und Aktivitäten vernachlässigt. Viele haben ihr Einkommen verspielt und sich verschuldet. Um die wahre Situation zu verbergen, verstricken sie sich in Lügengebäude.


Meist kommen sie erst zu uns, wenn der Druck zu groß geworden ist – durch die Familie, die Arbeit oder die Strafverfolgung, durch Gerichtsvollzieher, Pfändungen, Wohnungsverlust etc..


Fällt es manchen Menschen schwer, Hilfe in Anspruch zu nehmen? Falls ja, welchen konkreten Vorbehalten oder Ängsten begegnen Sie?

Den meisten fällt es sehr schwer, Hilfe in Anspruch zu nehmen. Hier spielt vor allem Scham eine große Rolle. Wenn sie an Geld kommen, gehen viele eher weiter spielen als eine Beratung in Anspruch zu nehmen. Immer wieder treibt sie die Hoffnung auf einen größeren Gewinn, durch den sie dann ihre Schulden begleichen können. Oder das „entliehene“ Geld in die Betriebskasse zurücklegen können. Tatsache ist aber, dass sie dadurch in der Regel noch weiter in die Verschuldung rutschen.


Deshalb ist es so wichtig, dass diese Menschen sich schnell Hilfe holen, bevor sie immer weiter durch erneutes Spielen abrutschen. Besonders Familien mit Migrationshintergrund glauben oft, dass die Probleme in der Familie gelöst werden müssten und dass gute Vorsätze helfen würden. Unsere Erfahrung zeigt aber ganz deutlich, dass fachliche Hilfe von außen notwendig ist, um aus dem Teufelskreis auszubrechen.


Sie bieten eine sogenannte „offene Spielersprechstunde“ an. Was genau kann man sich darunter vorstellen und an wen richtet sich das Angebot?

Dieses Angebot eignet sich für kurze Gespräche und zur schnellen Kontaktaufnahme, außerdem für erste Hinweise auf Verhaltensänderungsmöglichkeiten sowie ein erstes Informations- und Hilfeangebot. Sie steht sowohl Spielerinnen und Spielern als auch deren Angehörigen gleichermaßen zur Verfügung.

Welche Unterstützung steht eigentlich glücksspielsüchtigen Menschen rechtlich zu und wer trägt die Kosten?

Zum einen gibt es Selbsthilfegruppen, für deren Hilfe man nicht bezahlen muss. In den Beratungsstellen stehen ausgebildete Fachkräfte zur Verfügung, die Finanzierung erfolgt in Hamburg durch die Stadt. Sofern eine Therapie erforderlich ist, wird sie durch die Suchtberatungsstellen vermittelt. Dabei wird auch geklärt, wer die Kosten für die Therapie übernimmt. Zuständig sind die Renten- oder die Krankenversicherung, denn Glücksspielsucht ist eine anerkannte Krankheit.


In besonders schweren Krisensituationen besteht in Hamburg auch die Möglichkeit, sich an das Asklepios Krankenhaus in Ochsenzoll zu wenden. Auf der dortigen Suchtstation könne auch Glücksspielsüchtige zur Krisenintervention aufgenommen werden.

Was raten Sie Menschen, die sich Gedanken um das Spielverhalten eines Angehörigen machen?

Wenden Sie sich an uns Fachleute. Glücksspielsucht ist die heimlichste Sucht, die wir kennen. Es fehlen äußere Anzeichen wie offensichtliches Angetrunkensein, Torkeln, Alkoholgeruch, Suchtutensilien etc. – deshalb besteht auf Seiten der Angehörigen meist große Unsicherheit. „Typische“ Hinweise auf problematisches Glücksspielen sind ständiger Geldmangel, Ausreden und Lügen, Abwesenheitszeiten ohne erkennbaren Grund oder eben Mahnungen und Pfändungen. Meine Empfehlung lautet: Kommen Sie lieber zu früh als zu spät. Denn wenn es sich um eine Glücksspielsucht handelt, vermehren sich existenzielle Probleme oft schnell und drastisch. Glücksspielsucht ist nämlich auch die teuerste Sucht.


Frau Alberti, Sie sind seit vielen Jahren Geschäftsführerin der Aktiven Suchthilfe. Was motiviert Sie persönlich, sich für das Thema Glücksspielsucht zu engagieren?

Ich habe unseren Verein zusammen mit Freunden selber aufgebaut. Als die Aufrüstung der ehemals harmlosen „Groschenautomaten“ zu hoch süchtig machenden Glücksspielgeräten Anfang der 80iger Jahre begann und Spielhallen wie „Pilze aus dem Boden“ schossen, erlebten manche unserer trockenen Alkoholiker eine Suchtverlagerung. Und es kamen zunehmend junge Männer zu uns, die spielsüchtig geworden waren. Junge Männer – seit einiger Zeit insbesondere Männer mit Migrationshintergrund – sind die am stärksten gefährdete Gruppe.
Auch im Freundes- und Bekanntenkreis erfuhr ich zunehmend von Betroffenen und Mitbetroffenen. Oft ging das einher mit dem Verlust der beruflichen Existenzgrundlage, mit Vermögensverlust und der Verschuldung ganzer Familien, mit Trennungen und nicht selten auch mit Selbstmordversuchen.


Spielhallen mit hochsüchtig machenden Automaten bieten keine Lebensqualität. Sie machen die Anbieter reich, auf Kosten der Verelendung von vielen Menschen und kosten den Sozialstaat mehr, als er daran verdient.

Die Aktive Suchthilfe (AS) begann vor 42 Jahren mit der aufsuchenden Beratung in Hamburger Haftanstalten. 1979 kam die externe Beratungs- und Behandlungsstelle hinzu. Die AS arbeitet suchtmittelübergreifend mit dem Schwerpunkt auf legalen Suchtmitteln und legt viel Wert auf Gruppenarbeit.


Vor ca. 25 Jahren entwickelte die AS ein spezielles Angebot für glücksspielsüchtige Menschen und ihre Angehörigen. Die Beratungs- und Behandlungsstelle in der Repsoldstraße 4 ist offen für alle, die Information, Beratung oder Behandlung wegen eines Problems mit Glücksspiel suchen, seien sie direkt oder indirekt betroffen. Neben der Suchtberatung bieten wir auch eine Schuldnerberatung an.

Impressum
Hamburgische Landesstelle für Suchtfragen e.V.
Repsoldstraße 4
20097 Hamburg