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Höhere Impulskontrolle, geringere Suchtgefahr

Englische Studie zeigt: Wer lernt seine Impulse zu kontrollieren, spielt weniger riskant

Im Klassifikationssystem der Weltgesundheitsorganisation „ICD-10“ (Internationale Klassifikation der Krankheiten) ist Glücksspielsucht – dort „Pathologisches Glücksspielen“ genannt – in der Kategorie „Störungen der Impulskontrolle“ zu finden. Gleiches gilt für das DSM-IV (Diagnostisches und Statistisches Manual Psychischer Störungen), hier wird pathologisches Spielen ebenfalls unter besagten „Störungen der Impulskontrolle“ eingeordnet. Als eines von zehn Diagnosekriterien zur Bestimmung eines kritischen Spielverhaltens werden im DSM-IV „wiederholte erfolglose Versuche, das Spiel zu kontrollieren, einzuschränken oder aufzugeben“ genannt.

Kurze Aufgaben zur Impulskontrolle können das Spielverhalten beeinflussen

Ist es möglich, die Impulskontrolle zu trainieren und darüber riskantes Glücksspielen zu verhindern bzw. zu reduzieren? Dieser Frage ging ein englisches Forscherteam nach, das hierzu mehrere Experimente durchführte. In einer ersten Versuchsreihe wurden die teilnehmenden Personen gebeten, an einem Computer ein Glücksspiel zu spielen und dabei zwischen „sicheren Optionen“ (gekennzeichnet durch niedrige Gewinne und eine hohe Gewinnwahrscheinlichkeit) und „riskanten Optionen“ (hohe Gewinne, niedrige Gewinnwahrscheinlichkeit) zu wählen. Hierfür mussten die Teilnehmenden jeweils eine bestimmte Taste drücken. Darüber wurde ihre allgemeine Risikobereitschaft erfasst. In einer nächsten Runde erhielten die Versuchspersonen zusätzlich kleine Aufgaben, die aus Trainings zur Impulskontrolle bekannt sind: Immer wenn ein Stop-Signal gegeben wurde, sollten sie einen Moment innehalten und keine Taste drücken. Die Folge: Der Spielablauf verlangsamte sich und die Versuchspersonen tendierten stärker zu den sicheren Optionen, spielten demnach also weniger riskant.

Bereits kurzes Training hat erste Auswirkungen

In weiteren Experimenten untersuchte man dann, ob solche kurzen Aufgaben zur Impulskontrolle auch über den Moment hinaus wirken, d.h. eventuell längerfristige Effekte haben. Das Ergebnis war erstaunlich. Schon eine kurze Übungsperiode, in der die Probanden trainierten, auf ein Signal hin einfache Handbewegungen abzustoppen, zeigte eine Wirkung: Sie spielten bis zu zwei Stunden nach dem Training weniger riskant. Der Unterschied im Spielverhalten fiel zwar nicht besonders groß aus, war jedoch – aus statistischer Sicht – bedeutsam. Forschungsleiter Dr. Frederick Verbruggen von der Universität Exeter kommentierte die Untersuchungsergebnisse: „Unsere Studie zeigt, dass Menschen durch solch ein einfaches Impulskontrolltraining offenbar lernen können, ihre Entscheidungsprozesse besser zu kontrollieren – und auf diese Weise riskantem Spielen vorbeugen.“.

Zentrale Botschaft der Studie: Spielverhalten lässt sich verändern

Eine Schwäche der Studie besteht sicherlich darin, dass daran ausschließlich Personen ohne auffälliges Spielverhalten (Studenten) teilnahmen. Dennoch ist es interessant, dass ein solch allgemeines und vor allem kurzes Training bereits Auswirkungen zeigte. Die englischen Wissenschaftler halten ihre Befunde für vielversprechend, geben jedoch zu bedenken, dass es weiterer Forschung bedarf, um hieraus entsprechende Therapiekonzepte zu entwickeln.

Die wichtigste Botschaft, die sich – nicht nur aus dieser Studie – für Menschen mit Glücksspielproblemen ableiten lässt: Es ist möglich, sein Spielverhalten zu verändern. Betroffenen steht hierfür ein Netz verschiedener Beratungs- und Therapieangebote zur Verfügung.

Die Hamburgische Landesstelle für Suchtfragen e.V. (HLS) empfiehlt: möglichst frühzeitig Unterstützung in Anspruch zu nehmen

„Wer sich Gedanken über sein eigenes Glücksspielen oder das Spielverhalten eines Angehörigen macht, sollte möglichst frühzeitig Unterstützung suchen.“, erklärt Christiane Lieb, Geschäftsführerin der Hamburgischen Landesstelle für Suchtfragen e.V. (HLS). Und weiter: „Erste Anzeichen auf ein riskantes Spielen sollten in jedem Fall ernst genommen werden. Wer bei einem Glücksspiel schon einmal das Bedürfnis verspürt hat, immer mehr Geld einzusetzen, sollte darüber mit jemandem sprechen. Auch wenn jemand erst dann aufhört zu spielen, wenn er das ganze Geld verspielt hat, das er dabei hatte, ist das ein eindeutig kritisches Signal. Eine gute erste Anlaufstelle ist die Helpline Glücksspielsucht (Montags bis donnerstags 10.00 bis 19.00 Uhr, freitags 10 – 15 Uhr, zum Ortstarif aus dem deutschen Festnetz). Die Beraterinnen und Berater dort kennen sich bestens mit der Materie aus und helfen auch bei ganz praktischen Fragestellungen – zum Beispiel, wo es eine Beratungsstelle in der Nähe des Betroffenen gibt oder wie man ein passendes Therapieangebot findet.“

Quelle: F. Verbruggen, R. Adams, C. D. Chambers. Proactive Motor Control Reduces Monetary Risk Taking in Gambling. Psychological Science, 2012; DOI: 10.1177/0956797611434538