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Craving: Das passiert bei „Spieldruck“ im Gehirn!

„Craving“ nennen Fachleute das – mitunter sehr starke – Verlangen nach einem Suchtmittel. Auch bei glücksspielabhängigen Menschen lässt sich dieses Phänomen beobachten, das von den Betroffenen häufig auch als „Spieldruck“ bezeichnet wird.

Wenn der Fahrkartenautomat Lust auf das Spielen macht...

Ausgelöst wird das Verlangen oft durch Außenreize, die mit dem Spielen verknüpft sind. Das können zum Beispiel Geräusche sein: das Klimpern der Münzen in einem Fahrkartenautomat etwa. Die herabfallenden Münzen erinnern an das Geräusch, das zu hören ist, wenn jemand an einem Automaten gewinnt. Auch bestimmte Orte können Spielverlangen auslösen. Aus diesem Grund meiden viele ehemalige Spieler eine ganze Zeit lang nicht nur ihr Casino oder ihre Spielhalle, sondern auch häufig den ganzen Stadtteil, in dem sich ihr ehemaliger Spielort befindet. Oder sie verzichten darauf, die U-Bahn-Linie zu nehmen, die sie früher immer dorthin gebracht hat.

Ehemalige Spieler müssen Spielanreize „managen“

Im Laufe einer Abhängigkeitsentwicklung sammelt sich eine Vielzahl solcher Reize an, die Spielverlangen auslösen oder verstärken können. Das können auch innere Reize sein, Stimmungen beispielsweise. Wer bei Ärger oder Stress immer wieder den Weg in die Spielhalle nimmt, schafft damit eine Verknüpfung zwischen dem inneren Zustand des Ärgers und dem Spielen. Das Ergebnis dieser „Verdrahtung“ im Gehirn: Bei zukünftigem Ärger und Stress entsteht automatisch das Verlangen zu spielen. Selbst nach erfolgreicher Therapie bleibt diese Verbindung noch lange Zeit bestehen – der Betroffene lernt aber, sie zu „managen“, zum Beispiel indem er in diesen Momenten bewusst eine alternative Aktivität ausübt, anstatt zu spielen.

Ähnliche Aktivitätsmuster im Gehirn wie bei Verlangen nach Alkohol

Ein Forschungsteam aus England hat untersucht, was bei „Craving“ im Gehirn passiert. Ihre Untersuchungsgruppe bestand aus 19 Menschen mit der Diagnose „Pathologisches Glücksspiel“ und einer Kontrollgruppe mit 19 Personen ohne auffälliges Spielverhalten.


Allen Probanden wurden verschiedene Bilder gezeigt, darunter auch typische Bilder von Glücksspielen, wie etwa von einem Roulettekessel oder einem Sportwettbüro. Während sie die Bilder betrachteten, wurden in einem Magnetresonanztomographen (MRT) Aufnahmen ihres Gehirns gemacht. Außerdem bat man sie – parallel zum Anschauen der Bilder – ihr Spielverlangen einzuschätzen. Die spannende Frage des Forschungsteams: Würden sich Veränderungen der Hirnaktivität beobachten lassen, während eine Person Craving erlebt?


Und tatsächlich: Immer dann, wenn die glücksspielabhängigen Probanden ein Spielverlangen kundtaten, zeigten sich bestimmte Aktivitätsmuster in ihrem Gehirn. Daran beteiligt waren zwei Hirnregionen, die für Suchtforscher „alte Bekannte“ sind: der Nucleus Accumbens (ein Areal, das mit dem Belohnungssystem in Verbindung gebracht wird) und die Insula (ein Areal, das an der Verarbeitung von Emotionen beteiligt ist). In beiden Hirnregionen ergab sich – zeitgleich zum berichteten Verlangen – eine erhöhte Aktivität. Vergleichbare Reaktionsmuster hatten sich in Studien gezeigt, die sich mit Craving bei alkohol-oder drogenabhängigen Menschen beschäftigt hatten.

Bei Spielern mit starkem Verlangen: „Belohnungssystem“ wird offenbar schlechter kontrolliert

Und noch eine weitere Parallele fanden die Wissenschaftler: Bei Personen, die über ein stärkeres Verlangen berichteten, war die Verbindung zwischen dem Frontallappen und dem Nucleus Accumbens schwächer ausgeprägt. Dem Frontallappen werden vor allem Kontrollfunktionen zugeschrieben. Er kommt ins Spiel, wenn zum Beispiel Impulse kontrolliert werden sollen, etwa den Impuls zu spielen oder Alkohol zu trinken.


Fazit: Wenn pathologische Glücksspieler das Verlangen haben zu spielen, kommt es im Gehirn zu ähnlichen Prozessen wie bei alkohol-oder drogenabhängigen Menschen. Eine wichtige Rolle spielt die Kontrolle von inneren und äußeren Reizen, von denen sich die Betroffenen – zum Beispiel mit Hilfe einer Therapie – möglichst unabhängig machen müssen, um ihre Sucht überwinden zu können.

Dass dies möglich ist, zeigt die große Anzahl von Menschen, die nach Jahren abhängigen Spielens inzwischen spielfrei geworden sind. Leichter geht das mit professioneller Hilfe. Über Hilfsangebote in Hamburg informieren wir hier.


Quelle:
E H Limbrick-Oldfield, I Mick, R E Cocks, J McGonigle, S P Sharman, A P Goldstone, P R A Stokes, A Waldman, D Erritzoe, H Bowden-Jones, D Nutt, A Lingford-Hughes, L Clark. Neural substrates of cue reactivity and craving in gambling disorder. Translational Psychiatry, 2017; 7 (1): e992 DOI: 10.1038/tp.2016.256