Helpline: 040 - 23 93 44 44  |  Montags - Donnerstags 10.00 - 18.00 Uhr, Freitags 10-15 Uhr  |    

„Etwa 12.000 Menschen in Hamburg mit kritischem Spielverhalten“ – Interview mit Christiane Lieb

Automatenspiele, Online-Gambling und problematisches Spielverhalten: Christiane Lieb, Geschäftsführerin der Hamburgischen Landesstelle für Suchtfragen e.V. (HLS), zieht zum Jahresende Bilanz.

Nach Angaben der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) ist die Zahl der Glücksspieler und Glücksspielerinnen in Deutschland in den vergangenen Jahren zurückgegangen. Sehen Sie Anzeichen dafür, dass es in Zukunft auch weniger Menschen mit einer Glücksspielsucht geben wird?

Nein, dafür sehe ich leider keine Anzeichen. Gerade bei riskanten Glücksspielarten ist die Zahl der Spielerinnen und Spieler sogar gestiegen, allen voran bei den Automatenspielen. Seit 2007 hat die Zahl der Menschen, die an gewerblichen Geldspielautomaten in Gaststätten und Spielhallen spielen, erheblich zugenommen. Bezogen auf die zurückliegenden zwölf Monate haben zwei Millionen Menschen in Deutschland an einem Automaten gespielt. Natürlich sind das nicht alles problematische oder pathologische Spieler. Aus vielen Studien und auch aus der Praxis wissen wir jedoch, dass die Automatenspiele zu den riskantesten Glücksspielarten überhaupt zählen und – wegen ihrer weiten Verbreitung – am stärksten zur Glücksspielproblematik in Deutschland beitragen. Gerade jetzt um die Weihnachtszeit herum wird wieder viel gespielt. So manch einer bringt sein Weihnachtsgeld in die Spielhalle oder die Spielbank.

Inzwischen sind auch Glücksspiele im Internet eine große Herausforderung für die Suchtprävention und Suchthilfe geworden. Für die Anbieter ist es ein Leichtes, den Jugend- und Spielerschutz zu unterwandern. Auch ist der oft fließende Übergang von Online-Gaming hin zu Online-Gambling ein Thema, das uns zukünftig wahrscheinlich mehr beschäftigen wird, als uns lieb ist. Wir haben auf diese Entwicklung in diesem Jahr mit einem neuen Informationsangebot zum Thema Online-Glücksspiele reagiert und auch anlässlich des Aktionstags Glücksspielsucht im September auf die Risiken von Online-Glücksspielen aufmerksam gemacht.

Worin bestehen denn die Risiken bei Glücksspielen, die im Internet gespielt werden?

Ganz grundsätzlich gibt es die Tendenz, dass Glücksspielangebote immer vielfältiger und für unterschiedliche Zielgruppen maßgeschneidert werden. Das ist im Internet natürlich einfacher als im terrestrischen Bereich. Hinzu kommt, dass Glücksspiele im Internet 24 Stunden am Tag, sieben Tage in der Woche und 365 Tage im Jahr verfügbar sind. Und das bequem von zu Hause aus und ganz anonym. Es fehlt dann die soziale Kontrolle, aber auch technisch gibt es kaum Möglichkeiten, das Spielen zu begrenzen. Der Zahlungsverkehr ist rein elektronisch, dadurch geht die Übersicht für den Spielenden über Einsätze und Verluste schnell verloren.

Ein weiterer Risikofaktor: Spiele können parallel gespielt werden, zum Beispiel an mehreren Online-Pokertischen gleichzeitig. Dabei können Spieler auch jederzeit betrogen werden: durch Absprachen zwischen anderen Spielern, die man ja nicht „zu Gesicht“ bekommt. Alle diese Faktoren begünstigen einen möglichen Kontrollverlust über das Glücksspielen – auch für die Aufsichtsbehörden. Es gibt nur wenige Möglichkeiten, das illegale Spielen im Netz zu begrenzen und das schwächt letztendlich den Spielerschutz.  

Wie viele Menschen sind denn von einer Glücksspielproblematik betroffen?

Wir gehen in Deutschland von ca. 800.000 Menschen mit einem problematischen oder pathologischen Spielverhalten aus. Mit „Spielen“ im eigentlichen Sinne hat das bei diesen Personengruppen allerdings wenig zu tun. Denn die Betroffenen verlieren immer mehr die Kontrolle über ihr Leben, meist mit sehr belastenden Auswirkungen: Zerrüttete Familienverhältnisse, Einsamkeit und hohe Schuldenstände sind eher der Normalfall als die Ausnahme bei pathologischen Spielern.

In Hamburg gibt es nach Schätzungen ungefähr 12.000 Personen, deren Glücksspielverhalten in einem eindeutig kritischen Bereich liegt. Männer zeigen dabei fast doppelt so häufig Anzeichen für ein problematisches oder pathologisches Spielen wie Frauen.

Was raten Sie Menschen, die sich Gedanken über ihr Spielverhalten machen?

Um wirklich einschätzen zu können, ob jemand einen kritischen Umgang mit Glücksspielen hat, ist ein Gespräch mit einem Berater oder einer Beraterin notwendig. Erste Hinweise auf ein riskantes Spielverhalten liefern aber auch Selbsttests. Hamburgerinnen und Hamburger können auch die Helpline Glücksspielsucht kontaktieren. Unter 040 23934444 helfen ihnen von montags bis donnerstags (jeweils zwischen 10.00 und 18.00 Uhr) sowie freitags (10 bis 15 Uhr) erfahrene Beraterinnen und Berater gerne weiter. Die Preise für den Anruf entsprechen dem Ortstarif aus dem deutschen Festnetz. Bundesweit steht das Beratungstelefon zur Glücksspielsucht der BZgA unter 0800 1372700 kostenlos und anonym zur Verfügung (Montag bis Donnerstag 10 - 22 Uhr, Freitag bis Sonntag 10 - 18 Uhr).

Zum Schluss möchte ich gerne noch einmal allen, die sich Gedanken über ihr Spielverhalten oder Sorgen um einen Angehörigen machen, Mut machen, sich möglichst frühzeitig Hilfe zu holen. Die Erfahrung zeigt, dass eine professionelle Beratung in vielen Fällen erfolgreich ist.

Das Team von „Automatisch Verloren“ wünscht allen Leserinnen und Lesern erholsame Festtage und einen angenehmen Jahresausklang sowie einen guten Start in das neue Jahr 2016.