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Der Vertrauensverlust ist für die Angehörigen am schwierigsten

Interview mit Marita Junker, Leiterin der Beratungsstelle „Die Boje“

Frau Junker, viele Leute wissen gar nicht, dass es auch Beratungsangebote für Angehörige von glückspielsüchtigen Menschen gibt. Wie können Sie zum Beispiel einem bzw. einer Angehörigen eines pathologischen Spielers helfen?

Beratungsangebote für Angehörige gibt es in allen Suchtberatungsstellen, die auf die Beratung von glücksspielsüchtigen Menschen spezialisiert sind. Nicht selten sind es sogar die Angehörigen, die sich als erstes an die Beratungsstelle wenden.

Wir hören dann erst einmal zu und machen uns gemeinsam mit den Ratsuchenden ein Bild von der Gesamtsituation. Dann informieren wir darüber, was eine Glücksspielsucht kennzeichnet – das ist oftmals schon eine erste wichtige Entlastung für die Angehörigen. Sie erfahren, dass sie nicht die einzigen sind, denen so etwas passiert und dass es nicht in ihrer Macht – aber auch nicht in ihrer Verantwortung liegt – was der glücksspielsüchtige Partner oder die glücksspielsüchtige Partnerin tut.

Pathologisches Glücksspielen ist eine Krankheit, Lügen, Täuschen und sogar kriminelle Handlungen zur Geldbeschaffung sind Teil dieser Krankheit. Es ist enorm hilfreich für die Angehörigen, das Verhalten des Partners oder der Partnerin besser einordnen zu können.

Dann wird zusammen geschaut, was die nächsten Schritte sein können: Wie kann ich mich als Angehöriger oder Angehörige wieder aufrichten? Welche Möglichkeiten hat der Spieler bzw. die Spielerin, um seine bzw. ihre Schwierigkeiten zu bewältigen? Eine wichtige Rolle in der Beratung spielt das Thema „Partnerschaft“. Das reicht von der konkreten Unterstützung des spielenden Partners bzw. der spielenden Partnerin (zum Beispiel durch gemeinsame Gespräche oder durch eine vorübergehende Geldverwaltung) bis zur Klärung der Beziehung: Bleibt man zusammen oder trennt man sich? Kann eine vorübergehende räumliche Trennung helfen? Das sind alles Fragen, die in den gemeinsamen Terminen angesprochen werden. Ganz wichtig ist auch sehr früh darüber zu sprechen, wie es weiter gehen soll, wenn gemeinsam gewirtschaftet wurde.

Wenn Angehörige und Betroffene Hilfe in Anspruch nehmen und den Weg gemeinsam gehen wollen, ist es wichtig, die Angehörigen einzubeziehen in die Behandlung und sie an dem Weg teilhaben zu lassen. Auf diese Weise können sie die Fortschritte des Partners / der Partnerin wahrnehmen und würdigen. Nur so kann wieder Vertrauen wachsen – denn der Vertrauensverlust ist einer der schwierigsten und langwierigsten Folgen der Krankheit. Gleichzeitig ist es für alle Beteiligten zentral, auf der Grundlage neuer Erfahrungen, das Vertrauen wieder aufzubauen. Ohne das bleibt die Partnerschaft ohne Zukunft.

Worunter leiden die Angehörigen von glückspielsüchtigen Menschen ganz besonders?

Angehörige, die zu uns in die Beratung kommen, sind oft in großer Not. Enttäuschung über den Partner bzw. die Partnerin, Verzweiflung und Gefühle von Hilflosigkeit überfluten sie. Nichts machen zu können, immer wieder Vertrauen in die Beziehung investiert zu haben, aber dann wieder getäuscht worden zu sein - das sind belastende Erfahrungen. Dazu kommt die finanzielle Not: Plötzlich ist kein Geld mehr da. Das führt dazu, dass wichtige Anschaffungen nicht gemacht werden, die Kinder nicht an Klassenreisen teilnehmen können, weil kein Geld da ist und das Ersparte für den Urlaub aufgebraucht ist. Der glücksspielsüchtige Partner / die glücksspielsüchtige Partnerin hat meist auch noch Schulden gemacht, Rechnungen nicht bezahlt und oftmals die eisernen Reserven der Familie einschließlich der Ersparnisse für die Kinder aufgebraucht. Im Extrem hat die Verschuldung auch zum Verlust des Arbeitsplatzes geführt: der Griff in die Kasse des Arbeitgebers, Gehaltspfändungen, Vorschüsse und Anpumpen von Kollegen und Kolleginnen hat die Situation eskalieren lassen.

Gibt es typische Anzeichen, an denen jemand erkennen kann, dass zum Beispiel der Ehemann oder die Partnerin ein Problem mit Glücksspielen hat? 

Anzeichen, die auf ein problematisches Spielverhalten hinweisen können, sind unter anderem: Geldschwierigkeiten, oft nicht ans Handy gehen, andere anpumpen, oft keine Zeit haben, offenbar „in einer anderen Welt gefangen“ / abwesend sein, immer mit Geld beschäftigt sein, lügen, reizbar sein oder starke Stimmungsschwankungen.

Was raten Sie zum Beispiel einer Ehefrau, die den Verdacht hat, dass ihr Mann exzessiv um Geld spielt?

Wichtig ist: Genau das nicht zu tun, was der Partner macht, nämlich lügen, unklar sein oder Dinge verheimlichen. Man sollte stattdessen deutlich ansprechen dass man sich Sorgen macht und worauf man diese Sorgen begründet. Klar machen, dass man sich dafür interessiert, was bei dem oder der anderen los ist und sich fragt, warum sie oder er sich so „verkrümelt“ in der Spielwelt. Außerdem signalisieren, dass man bereit ist, den anderen zu unterstützen.

Was dagegen nicht hilft:

  • die andere Person zu drängen, dass sie sofort alles zugibt,
  • Drohungen aussprechen, die man nicht einhalten wird,
  • Schulden auszugleichen
  • Vernachlässigung durch den Partner (z.B. in der Verantwortung für Kinder, Familie, Haushalt, Einkommen,) zu tolerieren.

Sucht ist häufig mit Scham und Schuldgefühlen verbunden – auf Seiten der Betroffenen, aber auch bei den Angehörigen. Vielen von ihnen dürfte es deshalb schwer fallen, sich an eine Beratungsstelle zu wenden. Wie lassen sich solche Hemmschwellen abbauen?

Angehörige sollten sich klar machen, dass jeder Mensch in eine Situation kommen kann, in der er Hilfe benötigt. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter einer Beratungsstelle verurteilen Sie nicht, sondern nehmen Sie ganz im Gegenteil mit Verständnis und Wohlwollen auf. Unterstützung von „neutralen Personen“ tut gut und kann anders helfen als die Hilfe von Angehörigen, die immer mit betroffen sind.

Jeder und jede, die in eine auf Spielsucht spezialisierte Beratungsstelle kommt, kann kostenfrei Hilfe in Anspruch nehmen, mit den Beratern und Beraterinnen gemeinsam überlegen und dann für sich entscheiden, was am besten hilft.

Die Beratung kann auf Wunsch auch anonym geführt werden und ist natürlich zu jedem Zeitpunkt freiwillig. Man muss auch nicht allein hingehen, sondern kann jemanden mitnehmen.

Wie sieht das Angebot der Boje für Angehörige von glückspielsüchtigen Menschen ganz konkret aus?

Menschen, die für sich erkannt haben, dass das Spielen zum Problem geworden ist, oder auch die von Nahestehenden den Rat bekommen haben, sich Hilfe zu holen ohne dass sie es selbst schon so schlimm finden, können sich ohne vorherige Terminvereinbarung mittwochs am Nachmittag zur offenen Sprechstunde einfinden. Von 14 bis 18 Uhr bieten die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Boje Erstgespräche als Einzelgespräche, Paar- oder Familiengespräche an. Unabhängig davon, ob es Menschen sind, die sich als suchtgefährdet sehen oder spielsüchtig oder ob es Angehörige sind.

Vielen Dank Frau Junker!

Die Boje als Suchthilfezentrum bietet Beratung und Behandlung seit nunmehr fast 40 Jahren in Hamburg an und fast ebenso lange schon für Menschen mit Spielproblemen. Wir werden als Suchtberatungsstelle und Fachberatungsstelle für Glücksspiel von der Behörde für Gesundheit und Verbraucherschutz finanziert und sind von den Renten- und Krankenversicherungen als Rehabilitationseinrichtung für pathologisches Glücksspielen anerkannt.

Weitere Infos zur Boje und ihrem Angebot finden Sie hier:
http://dieboje.de/
http://spielsucht-hamburg.de