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Strengere Regulierung von Automatenspielen gefordert

Eine Lücke im System des Spielerschutzes entdeckte vor kurzem der Experte für Glücksspielsucht von der Universität Bremen Prof. Dr. Gerhard Meyer. Ihn interessierte, ob sich die gesetzlich geltenden maximalen Verlustgrenzen beim Automatenspiel umgehen lassen und Spielende dadurch größere Geldbeträge verlieren können als der Spielerschutz erlaubt. Mit Hilfe eines Praxistests fand er heraus, dass durch die Umrechnung von Geld- in Punktwerte die gesetzlichen Regelungen zur Begrenzung von Spielverlusten ausgehebelt werden können.

Eigentlich ist der maximale Verlust beim Automatenspiel auf 80 Euro pro Stunde begrenzt. Laut Frankfurter Rundschau hat Prof. Meyer ermittelt, dass auf die beschriebene Weise in nur „fünfeinhalb Stunden der Durchschnitts-Nettolohn eines Arbeitnehmers von 1.450 €“ verspielt werden kann. Der Zeitung zufolge hat ein Testspieler in gerade einmal neun Minuten sogar 480 Euro verloren.

Drogenbeauftragte fordert Verbot von Punktespiel
Die Drogenbeauftragte der Bundesregierung Mechthild Dyckmans plädiert dafür, die Punktespiele gesetzlich zu verbieten oder zumindest deutlich zu beschränken. Das für die Regulierung von Geldspielautomaten zuständige Bundesministerium für Wirtschaft und Technologie (BMWi) hat gerade eine neue Verordnung vorgelegt, die nach dem Willen der Drogenbeauftragten nun hinsichtlich des Punktespiels überarbeitet werden sollte.

Automatenspiele – hoch riskant und weit verbreitet
Damit geraten Automatenspiele erneut in den Fokus der öffentlichen Diskussion. Dabei ist es kein Zufall, dass Automatenspiele häufiger als andere Glücksspiele thematisiert werden. Denn sie sind mit einem besonders hohen Gefährdungspotenzial verbunden und außerdem weit verbreitet. Unter anderem die schnelle Abfolge der einzelnen Spiele und die sofortige Auszahlung der Gewinnsummen machen Spiele am Automaten so riskant. Kein Wunder also, dass unter Automatenspielerinnen und -spielern besonders viele Personen mit einem riskanten oder süchtigen Glücksspielverhalten zu finden sind: Fast neun Prozent von ihnen fallen in die Kategorien „problematisch" oder „pathologisch“ Spielende. Zum Vergleich: Bei Lotterien beträgt dieser Anteil ungefähr zwei Prozent.

Steigende Umsätze für die Automatenindustrie
Was für Spielende oft mit Verlusten verbunden ist, zahlt sich für die Aufsteller von Automaten aus, sogar in zunehmendem Maße: Laut Jahrbuch Sucht 2012 machten die Aufsteller von Geldspielautomaten in 2010 insgesamt 17,21 Milliarden Umsatz – ein Plus von 6,5 Prozent gegenüber 2009. Bereits in den Jahren davor wurden hohe Umsatzsteigerungen erzielt, diese Entwicklung scheint ungebrochen.

Glücksspielsucht-Expertinnen und -Experten sind sich einig: Vor dem Hintergrund des hohen Gefährdungspotenzials von Automatenspielen sind weitere Maßnahmen zur Verbesserung des Spielerschutzes notwendig. In Hamburg wurde zuletzt ein neues Spielhallengesetz beschlossen, das unter anderem die Zahl der Spielgeräte auf acht pro Spielhalle beschränkt. Weiterhin im Gespräch ist die Einführung der sogenannten Spielerkarte. Ohne eine solche Karte soll zukünftig der Betrieb von Spielautomaten nicht mehr möglich sein.

Zwei verschiedene Varianten der Spielerkarte in der Diskussion
Das Ziel der Spielerkarte besteht vor allem darin, das parallele Spielen an mehreren Geräten zu unterbinden und damit Spielverluste zu begrenzen. Gegenwärtig werden zwei Varianten der Spielerkarte diskutiert. Die Antwort des Senats auf eine Kleine Anfrage des Abgeordneten Dr. Wieland Schinnenburg von der FDP macht deutlich, worin die Unterschiede der beiden Modelle bestehen. Beim ersten Modell handelt es sich um eine Karte, die personenunabhängig ist. Sie wird beim Betreten der Spielhalle an den bzw. die Spielende ausgehändigt und gilt nur für diesen Spielort. Mit Hilfe der Karte wird dann der Geldspielautomat freigeschaltet.

Modell 2 ist eine personenbezogene Spielerkarte, die nicht übertragbar ist. Über sie wird der einzelne Spielende identifiziert. Das auf der Karte gespeicherte Alter der Spielerin / des Spielers unterstützt zudem den Jugendschutz, da Minderjährige eine solche Karte gar nicht erst erhalten. Denkbar ist auch, dass mit Hilfe der personenbezogenen Variante der Spielerkarte auch „individuelle Begrenzungen von Spieldauer, Einsätzen und Verlusten“ reguliert werden könnten, so die Antwort des Senats auf die Kleine Anfrage.

Mehr Anrufe bei der Helpline Glücksspielsucht in 2012
Automatenspielsucht in Deutschland - strengere Regeln gefordertNeben diesen regulierenden Maßnahmen sind natürlich auch wirkungsvolle Informationsangebote notwendig, um über die Risiken von Glücksspielen und Hilfsmöglichkeiten für Betroffene aufzuklären. Im Dezember letzten Jahres wurde die Kampagne Automatisch Verloren der Behörde für Gesundheit und Verbraucherschutz und der Hamburgischen Landesstelle für Suchtfragen e.V. (HLS) wieder verstärkt beworben.
Mit Erfolg, wie zum Beispiel die steigenden Besuchszahlen des Informationsportals der Kampagne zeigen. Und auch die Zahl der Anrufe bei der Helpline Glücksspielsucht ist im Jahr 2012 deutlich gestiegen – es wurden zwei Drittel mehr Beratungsgespräche geführt als im Jahr davor.

„Die steigende Inanspruchnahme der Helpline zeigt zum einen, dass es in Hamburg einen großen Bedarf an Unterstützung für Menschen mit Glücksspielproblemen gibt. Die Vielzahl der Anrufe bedeutet außerdem, dass unsere Öffentlichkeitsmaßnahmen greifen und die Angebote der Hamburger Suchthilfe bekannter werden“, sagt Christiane Lieb, Geschäftsführerin der HLS.

Die Helpline Glücksspielsucht – ein Angebot auch für Angehörige
Die HLS weiter: „Uns ist es besonders wichtig, dass Menschen mit Glücksspielproblemen ihre Scheu vor einer Kontaktaufnahme zum Hilfesystem verlieren. Viele Hilfesuchende möchten sich zunächst einmal anonym informieren, dafür ist die Helpline Glücksspielsucht bestens geeignet. Oftmals ist der Anruf dort der erste Schritt in Richtung einer Verbesserung der meist schwierigen Lebenssituation. Es melden sich auch viele Angehörige bei der Helpline, zum Beispiel Partnerinnen, Partner oder Eltern von Spielenden. Denn Angehörige sind von einer Glücksspielsucht immer mit betroffen, zum Beispiel durch Schulden oder Beziehungsprobleme, die durch das Glücksspiel verursacht oder erschwert werden.“

Helpline Glücksspielsucht: 040 23934444 (Montags - Donnerstags 10.00 - 19.00 Uhr, Freitags 10-15 Uhr; zum Ortstarif aus dem deutschen Festnetz).


Quellen:
http://www.fr-online.de/politik/spielautomaten-branche-schaerfere-regeln-gegen-gluecksspiel,1472596,21305012.html
http://www.derwesten.de/politik/drogenbeauftragte-fordert-verbot-von-tricks-der-automatenindustrie-id7428872.html
Kleine Anfrage verfügbar über https://www.buergerschaft-hh.de/parldok/ (Drucksache 20/5521)
Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen e.V. (Hrsg.) (2012): Jahrbuch Sucht 2012. Pabst Science Publishers, Lengerich