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Studie zeigt: Online-Glücksspiele sind besonders riskant

Die Zukunft ist digital und vernetzt: ein Satz, an den wir uns in den vergangenen Jahren gewöhnt haben, der jedoch für viele Menschen erst jetzt – in der aktuellen Corona-Krise – so richtig spürbar wird. Viele Internetdienste entpuppen sich momentan geradezu als Segen. Menschen, die sich physisch nicht treffen können oder dürfen, begegnen einander im Netz, sei es privat oder auch, um zusammenarbeiten zu können. Und wenn jetzt sogar das Fitnesscenter ins heimische Wohnzimmer streamt, dürfte das ein Vorgeschmack darauf sein, welche Veränderungen uns in den nächsten Jahren (im wahrsten Sinne) „ins Haus stehen“ könnten.

Neue Online-Gewohnheiten

Zu Hause bleiben und trotzdem der Welt begegnen, so lautet das Versprechen des Internets und diese Entwicklung nimmt gerade so richtig Fahrt auf. Bestimmt werden wir nicht alle neuen Online-Gewohnheiten beibehalten, wenn sich die Verhältnisse wieder dem „Vor-Corona-Zustand“ annähern – eine ganze Reihe davon jedoch sicherlich schon. Und möglicherweise werden viele derjenigen, die in Folge der Schließung aller Spielhallen und Casinos auf Online-Casinos und virtuelle Automatenspiele ausgewichen sind, auch weiterhin im Netz spielen.

Glücksspiele im Internet haben besondere Risiken...

Viele Menschen verbringen momentan noch mehr Zeit im Internet als ohnehin schon. Die Wahrscheinlichkeit, dass sie mit Werbung für Online-Glücksspiele in Kontakt kommen, nimmt dadurch zu und auch der Einstieg in das Spielen selbst ist immer nur einen Klick entfernt. Fachleute sprechen in diesem Zusammenhang auch von einer hohen – zeitlichen und räumlichen – „Verfügbarkeit“ und ordnen diesen Umstand als eigenständigen Risikofaktor ein, vergleichbar mit der Griffnähe zum Alkohol. Hinzu kommt, dass Menschen, die online spielen, dies oftmals alleine tun und es niemanden gibt, der bzw. die ihr Spiel unterbricht oder sie zumindest einmal darauf anspricht. Zudem können prinzipiell mehrere Online-Spiele gleichzeitig bzw. parallel gespielt werden, dadurch geht der Überblick und damit die Kontrolle über das Spielen besonders schnell verloren. Nicht zu vergessen die Gefahr, dass man bei Online-Glücksspielen auch leicht betrogen werden kann.

…bestätigt auch die Forschung

Suchtexpert*innen stufen Onlineglücksspiele als besonders riskant ein. Inwieweit wird diese Einschätzung auch durch wissenschaftliche Studien gestützt? Dieser Frage gingen die Forscher*innen aus Bremen und Hamburg nach. Sie sichteten dafür eine Vielzahl von Studien und wählten die aussagekräftigsten darunter aus. Auf Basis ihrer Analyse formulierten die drei Wissenschaftler*innen Handlungsempfehlungen für die Politik.

Eine große Mehrheit der ausgewerteten Studien bestätigen die beschriebene Einschätzung von Online-Glücksspielen als besonders riskant. Die Autor*innen sprechen von einem erhöhten Gefährdungspotential von Glücksspielen im Netz und berufen sich dabei sowohl auf Studien mit Jugendlichen als auch mit Erwachsenen. Bei Spielen mit hoher Ereignisfrequenz (wie beispielsweise bei virtuellen Automatenspielen) ist das Risiko offenbar besonders hoch.

Strenge Regulierung von Online-Glücksspielen gefordert

Aufgrund des erhöhten Gefährdungspotentials von Online-Glücksspielen empfehlen die Autor*innen eine starke Regulierung von Glücksspielen, die im Netz stattfinden. In ihrem Artikel ist die Rede von einer „grundsätzlich hohen Eingriffsintensität des Staates“, die durch die wissenschaftliche Befundlage gerechtfertigt sei, bis hin zu Verboten von einigen Varianten des Online-Glücksspiels.

Außerdem wird empfohlen, Online-Glücksspiele schrittweise zuzulassen, beginnend mit den weniger riskanten Varianten. Diese Öffnung des Marktes solle dann nach ihrer Auffassung wissenschaftlich begleitet werden. Sollten sich dabei erhöhte „onlinespezifischen Risiken“ zeigen, sollte erwogen werden, riskantere Online-Glücksspielvarianten zu verbieten. Zudem sollten technische Möglichkeiten des Spielerschutzes – hinsichtlich der Früherkennung und Frühintervention bei riskantem Spielverhalten – genutzt und gesperrte Spieler*innen in ein zentrales, spielübergreifendes Sperr-Register aufgenommen werden. Insgesamt werden in dem Fachartikel neun Handlungsempfehlungen aufgelistet.

Im neuen Glücksspielstaatsvertrag, genauer gesagt im „Staatsvertrag zur Neuregulierung des Glückspielwesens in Deutschland“ (so soll er heißen, der neue Vertrag, wir berichteten darüber), der zum 1. Juli 2020 in Kraft treten soll, werden diese Handlungsempfehlungen zumindest teilweise berücksichtigt. So soll ein zentrales spielformübergreifendes Sperrsystem eingerichtet werden, außerdem ist eine starke Regulierung von Online-Glücksspielen vorgesehen. Diese werden jedoch nicht, wie in dem Fachartikel gefordert, schrittweise und beginnend mit mutmaßlich weniger riskanten Varianten, legalisiert, sondern quasi „auf einen Schlag“.

Es bleibt abzuwarten, welche Folgen die geplante Legalisierung und Regulierung von Online-Glücksspielen auf das Spielverhalten der Nutzer*innen haben wird. Interessant dürfte auch sein, wie sich die durch das Coronavirus bedingte Zwangspause auswirken wird. Wir bleiben dran an dem Thema.

Quelle: Hayer, Tobias, Girndt, Lydia & Kalke, Jens (2019). Das Gefährdungspotenzial von Online-Glücksspielen: Eine systematische Literaturanalyse. Bremen: Universität Bremen.