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Anderen beim Spielen zuschauen: Das Phänomen „Let’s play“

Ein Fernsehsender hat vor vielen Jahren einmal mit dem Slogan geworben: „Mittendrin statt nur dabei“. Dass es auch umgekehrt geht und das für Jugendliche sogar attraktiv ist, zeigt das Phänomen „Let’s play“ im Internet. Dabei schauen vor allem Jugendliche und junge Leute anderen beim Spielen im Internet zu, inzwischen auch bei Glücksspielen. Die Videos dazu werden millionenfach geklickt. Und dann gibt es da noch die sogenannten „Booster“ - Präparate, die eingenommen werden, um stundenlanges Spielen besser durchzuhalten.

Ein Gespräch mit Colette See von SUCHT.HAMBURG, Expertin für Suchtprävention“

Wir haben mit einer Expertin für Online-Spiele über diese Phänomene gesprochen und dabei erfahren, dass sie offenbar gar nicht so neu sind. Colette See ist Expertin für Suchtprävention bei SUCHT.HAMBURG und kennt sich mit den Konsumgewohnheiten von Jugendlichen aus. Das Video zum Interview finden Sie hier:

 

 

 

 

 

 

 

Was macht deiner Meinung nach den Reiz aus, anderen beim Glücksspielen zuzuschauen?

Das Phänomen Let´s Play – Gamer filmen sich beim Spielen und laden anschließend das Video auf eine öffentliche Plattform hoch – gibt es schon seit 2007. Mittlerweile wird ein Großteil dieser Inhalte in Echtzeit über Livestreams wie beispielsweise „Twitch“ angeboten. Da finde ich als Nutzer*in mittlerweile nahezu alle digitalen Spiele und kann dadurch den Gamer*innen sozusagen über die Schulter gucken.

Die Motivation, die dahinter steht, ist bei den Gamer*innen und Glücksspieler*innen die gleiche: Hautnah kann ich meine Lieblingsbeschäftigung verfolgen, ich hab die Möglichkeit von „besseren“, zum Teil berühmten Glücksspielern zu lernen und meine Skills zu „verbessern“. Dass es sich dabei um ein Glücksspiel handelt und eigenes Geschick dabei keine ausschlaggebende Rolle spielt, vergessen die meisten dabei leider.

Ein weiterer Sogfaktor ist die Interaktion. Die Spieler*innen sprechen mit den Zuschauer*innen und beziehen sie ein, in etwa „wir gemeinsam schaffen das jetzt…“. Viele Streams haben zudem einen Unterhaltungsfaktor. Ich kann mich berieseln lassen und abschalten.

Welche Risiken können dadurch entstehen?

Die Risiken liegen auf der Hand: Die Spieler*innen vermitteln den Zuschauer*innen das Gefühl, dass Können darüber entscheidet, wer am Ende als Sieger*in den Platz verlässt. Man hat nicht den Eindruck, dass der Zufall entscheidet, denn mir wird erklärt, wie ich zum Beispiel die Slotmachine überlisten oder einen kleinen Einsatz mit ein paar Tricks verzehnfachen kann.

Glücksspiele werden in den Streams als spannende Unterhaltung verkauft. Die negativen Folgen wie Kontrollverlust, Verschuldung und Verlust von Familie oder Arbeit spielen gar keine Rolle. Das Spielen wird als etwas normales dargestellt und die angesprochenen Risiken bagatellisiert.

Bei den Spielen gibt es vielfältige Anreize, um möglichst lange dabei zu bleiben. Dabei die ganze Zeit wach und aufmerksam zu bleiben, ist kaum zu schaffen. Deshalb gibt es schon seit einiger Zeit sogenannte „Booster“. Was hat es damit auf sich?

Booster machen seit einiger Zeit die Runde und werden für all diejenigen angepriesen, die durch exzessives Gaming oder Gambling viel Zeit vor dem Bildschirm verbringen. Booster sind Nahrungsergänzungsmittel, die im Bodybuilding schon lange eingesetzt werden und jetzt eben auch für das Spielen am PC. Die Anbieter vertreiben ihre Produkte mit der Botschaft, dass die „Gaming Performance“ gesteigert wird. Keine Müdigkeit, Konzentration und Schnelligkeit sind die angepriesenen Wirkungen, die die gewünschten Wettbewerbsvorteile bringen sollen.
In den meisten Fällen werden diese Booster von Spieler*innen genutzt, die sowieso schon viel Zeit vor dem Computer verbringen. Der Schlaf-Wach-Rhythmus leidet darunter genauso wie Ernährung und Bewegung. Und zum Teil geht das auch ordentlich in den Geldbeutel, weil die meisten Booster nicht wirklich günstig sind.

Was empfiehlst du zum Beispiel Eltern, die sich Gedanken um das Spielen ihrer Kinder machen?

Eltern sollten wissen, was ihre Kinder im Internet machen. Wir erleben, dass Eltern für die Risiken von digitalen Spielen schon einigermaßen sensibilisiert sind. Dass Glücksspiele Jugendliche mittlerweile auch in einem hohen Maße erreichen, ist bislang noch relativ wenig im Bewusstsein der Eltern angelangt. Zum Teil sind es sogar die Eltern, die die ersten Geldeinsätze im Netz tätigen, damit das Kind ein Glücksspiel mit echtem Geld ausprobieren kann.

Hier braucht es mehr Aufklärung. Ein Tipp ist unser Ratgeber Was Eltern über Glücksspiele wissen sollten der einen guten Überblick und hilfreiche Empfehlungen gibt, worauf man achten sollte, welche Regeln sinnvoll sind und wie sich diese auch im Familienalltag umsetzen lassen.

An wen können sich Fachkräfte und Lehrerinnen und Lehrer wenden, die mit Jugendlichen oder auch Eltern zu dem Thema arbeiten wollen?

Das Suchtpräventionszentrum am Landesinstitut für Lehrerbildung hat eine Werkstatt für Schüler*innen  zum Thema Glücksspiel eingerichtet und führt auch Elternabende durch. Wir haben Fortbildungsangebote, die klassisches Glücksspiel und Online-Glücksspiele zum Thema haben.

Vielen Dank für das Gespräch!